Wer wissen möchte, wie inquisitorische Demagogie in ihrer Reinform funktioniert, der sollte sich mit Haacks Rede in Hettstadt befassen – in dem Buch „Der Steinadler und sein Schwefelgeruch“ ist sie ausführlich wiedergegeben (S. 248 ff.). Hier zieht Haack wirklich alle Register; er poltert, spottet, schmeichelt, ängstigt, stößt düstere Vorhersagen aus – eine rhetorische „Meisterleistung“ negativer Art.
Ein großer Teil der Rede, die Haack hält, besteht aus unverblümten Schmähungen jener Menschen, die in einem unterfränkischen Dorf Grundstücke gekauft haben und sich nun ansiedeln möchten. Er verhält sich damit ähnlich wie ein Militärpropagandist, der Soldaten auf einen Krieg vorbereiten will: Dieser versucht in der Regel, die Gegner zunächst als minderwertig, als „Untermenschen“ oder dergleichen hinzustellen, um nach Möglichkeit das normale zwischenmenschliche Verhalten zu verdrängen und zu unterbinden. Bei Haack klingt das dann so:
Diese Leute seien „zu keiner rationalen Abwägung der Dinge mehr fähig und deshalb unkalkulierbar“. Sie seien „eine besondere Spezies von Menschen“ mit „eher geringen moralischen Qualitäten“, die „unsere Anteilnahme“ verdienten, die ein „seelsorgeintensives Potential“ darstellten, die erst einmal „seelisch gesunden“ müssten. (Damit bringt er zum Ausdruck, sie seien also seelisch krank!) Ein normales Zusammenleben mit der Dorfgemeinschaft sei „von der Glaubensideologie der Christusfreunde her schon gar nicht möglich.“ Auch mit anderen Gruppen habe es „immer Spannungen gegeben“, „Aggressionshandlungen“ bis hin zu „regelrechten Kriegszuständen“. Und, das Fazit: „Sie müssen keine Achtung vor denen haben!“
Wohlgemerkt: Das alles und noch mehr sagt ein Pfarrer, der dann womöglich am Sonntag im Gottesdienst in der Predigt von Jesus von Nazareth und dem Gebot der Nächsten- oder gar Feindesliebe spricht!
Hier werden gezielt Aggressionsschwellen bei den Zuhörern heruntergesetzt oder ganz abgebaut, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie vor einigen hundert Jahren die Zuhörer solcher Hetzreden dazu gebracht werden konnten, mit Genugtuung einer anschließenden Hinrichtung beizuwohnen.
Auch über Gabriele gießt Haack seinen primitiven Spott aus: Sie sei „vollkommen unberechenbar mit ihren Hauruckentscheidungen“. Hier ist er wieder, der uralte Hass der Priester gegen den Geist: „Der Prophet ist ein Narr, der Geistesmann ist verrückt“ (Hos 9,7) – und eine Geistesfrau noch viel mehr!
Doch eine Zutat fehlt noch in der Giftsuppe, die der hektisch gestikulierende Volksaufwiegler da in der rauch- und bierdunstgeschwängerten Halle zusammenbraut: die Angst. Doch er hat sie keineswegs vergessen: Haack malt die Zukunft des „gewachsenen Dorfes“ in düsteren Farben, falls „nichts getan“ würde. Denn „die“ versuchen, das Dorf „ zu erobern“, das „ganze politische Geschick von Hettstadt“ zu bestimmen. Es seien Menschen, die sich „einnisten“, die immer „mehr wollen“, bis man „den ganzen Ort unterwirft“. Ja: „Sie kommen hierher und wollen uns unsere Heimat stehlen und wollen uns unsere Heimat zunichte machen!“
Ob all dieser Bedrohungen komme den Hettstädtern – und nun folgt ein besonders diabolischer Schachzug – eine ganz besondere Rolle zu: Das kleine Dorf nahe Würzburg „leidet jetzt stellvertretend für viele Gemeinden in der Bundesrepublik“. Haack wiederholt das noch zweimal, damit es auch alle kapieren – und man muss sich das vorstellen: Nicht diejenigen leiden angeblich unter der Situation, denen man den bereits zugesagten Zuzug verwehrt, die man daran hindert, ihr Bürgerrecht auf freie Wahl des Wohnorts auszuüben, denn irgendwo müssen sie ja wohnen – nein: Es leiden – so suggeriert Haack – diejenigen, und zwar in ganz besonders „wertvoller“ Weise, denen zugemutet werden soll, in Zukunft mit „solchen Leuten“ Tür an Tür zu leben.
Haack sagt mit düsterer Miene voraus, ein „innerer Stacheldraht“ werde durch den Ort gehen – doch wer in diesem Moment einen solchen Stacheldrahtzaun im Dorf ausrollt, mit jedem Satz mehr, das ist der Pfarrer selbst mit seinen Stachelworten und Stachelsätzen.
Wie sehr Friedrich-Wilhelm Haack die Dorfbewohner tatsächlich aufgestachelt hat, wie sehr es ihm gelungen ist, tiefsitzende primitive Reflexe ans Licht zu befördern, das zeigt sich unmittelbar nach Ende der Veranstaltung. Vor der Halle stehen schweigend einige Menschen, die sich durch Ansteckplaketten als „Christusfreunde“ ausweisen. Sie haben sich bewusst nicht an der „Diskussion“ in der Halle beteiligt, sondern wollen sich unaufdringlich als Gesprächspartner anbieten für diejenigen, die sich noch einen klaren Kopf bewahrt haben. Doch solche scheint es im Moment nicht zu geben. Statt dessen werden die friedlich dastehenden Christusfreunde zur Zielscheibe der aufgeputschten Wut der Besuchermenge, die an ihnen vorbeiströmt: „An die Wand sollte man sie stellen, alle wie sie nacheinander dastehen!“ „Aufknüpfen!“ „Aufhängen sollte man euch!“ Eine ältere Frau spuckt verächtlich aus, und ein Mann schreit: „Heil Hitler!“ 64)
Der vierte Januar 1988 in Hettstadt – er wirft ein gespenstisches Schlaglicht auf die dünne Eisdecke, auf der sich unsere Demokratie bewegt. Nur dass in diesem Fall kein Volksverhetzer von rechts- oder linksaußen die Masse aufgestachelt hat, sondern ein Volksaufwiegler im Pfarrertalar. Wenn man zynisch wäre, könnte man sagen: Die haben’s eben nicht verlernt – „alte Schule“, Marke Mittelalter!
Noch Tage danach hält die gezielt erweckte „Volkswut“ an. „Verschwindet, ihr Heimholerpack!“, „Heimholer raus aus Hettstadt!“ – das sind die noch eher druckreifen Varianten der Ausrufe, die auf den Straßen zu hören sind. „Die sollen doch verrecken! Ich könnte ihnen ein Messer reinrennen!“, schreit eine Frau. Und ein zehnjähriges Kind wird getreten und bedroht: „Wir machen Kleinholz aus euch!“
Und noch im Sommer 2009 schreit ein betrunkener Jugendlicher mitten in der Nacht vor einem Haus, das von Nachfolgern des Nazareners bewohnt wird: „Heil Hitler! Aufhängen sollte man euch alle!“
