Des Satans alte Kleider

Die Volksverführer kommen in Fahrt

Doch die Tobsucht der kirchlichen Machtgewaltigen hatte gerade erst begonnen. Und die Gegner des Prophetischen Gotteswortes wissen genau: Wer die dumpfe Masse in Bewegung bringen und auf Dauer in Bewegung halten will, der braucht nicht nur griffige Verleumdungen, er benötigt auch Personen, in denen sich eine möglichst abwertende und aggressive Stimmung bündelt – und die in der Lage sind, das „Volk“ zu „führen“, bei Bedarf auch an der Nase herum. Auf Griechisch nennt man solche „Volksführer“ (oder Volks-Verführer): Demagogen. Ob in diesem Fall Graf Magnis ausreichte?

Bereits im Jahr zuvor, im März 1984, hatte die Würzburger Diözesanleitung den lutherischen „Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen“ aus München, Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, zu einer „Akademietagung“ der Domschule nach Würzburg eingeladen. Und der Kollege der bayerischen Landeskirche verlegte dann ab Juni 1984 „rein zufällig“ die jährlich Jahrestagung seiner „Elterninitiative gegen psychische Abhängigkeit und religiösen Extremismus“ 44) nach Würzburg.

Friedrich-Wilhelm Haack (1935-1991) war mit Graf Magnis (1927-2004) wesensverwandt. Zum Pfarrer, obwohl er diesen Titel trug, taugte er eher weniger, hatte er sich doch – als DDR-Flüchtling – Mitte der 50er Jahre, nur einer spontanen Eingebung folgend, statt für Chemie zum Studium der Theologie und Publizistik angemeldet. (Man beachte die zukunftsträchtige Kombination.) Bereits Mitte der 60er Jahre hatte der preußische Wahlbayer zunächst auf eigene Faust damit begonnen, Erhebungen über religiöse „Unregelmäßigkeiten“ in seiner Landeskirche und darüber hinaus anzukurbeln.45) Eine Art kircheneigene „Stasi“ sozusagen – mit Oberschülern und Mitgliedern von Jugendkreisen als bevorzugten „informellen Mitarbeitern“. Und bereits 1969 erhielt er für dieses neue und doch uralte Aufgabengebiet den offiziellen Segen seiner Vorgesetzten.

Haack, untersetzt und wohlbeleibt, war mit seiner schnoddrig-arroganten Art der Liebling jedes Boulevard-Journalisten; verfügte er doch nicht nur über eine äußerst spitze Zunge, sondern auch über eine erstaunliche Phantasie, wenn es galt, religiöse Minderheiten mit immer neuen Begriffs-Kapriolen verächtlich zu machen. Dadurch bediente er zielsicher und in Sekundenschnelle die niedrigen Instinkte derjenigen, die es nötig haben, sich durch die Abwertung „Andersartiger“ aufzuwerten – und sich an der Schadenfreude zu berauschen, die aus abfälligen „Späßchen“ auf Kosten dieser „anderen“ entsteht.

Eine kleine Schwäche hatte der moderne Inquisitor allerdings: Er war von sich und seiner „Mission“ so überzeugt, ja begeistert, dass er bisweilen übers Ziel hinausschoss und allzu offenherzig kundtat, was er wirklich dachte. So schrieb er bereits 1970 in einen Tätigkeitsbericht an seine Landeskirche hinein: „Verstehen wir unseren Glauben richtig, dann haben wir kein Recht, den ‚Anderen’ in ‚seinem Glauben zu lassen’.“ 46) Oder er schrieb an den Vertreter einer kleinen esoterischen Gruppe: „Wenn Sie bei mir auf Inquisition tippen, liegen Sie natürlich richtig.“ 47) Und im Oktober 1986 schrie er erbost, während die Christusfreunde mit einem friedlichen Schweigmarsch durch Würzburg gegen die Diskriminierung durch Kirche und Staat demonstrierten: „Im Mittelalter wären wir ganz anders mit euch umgesprungen!“ 48)

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