Doch die lutherische Kirche ließ nicht locker. So viele „Ketzer“, die offenbar einträchtig mitten unter Katholiken und Protestanten leben und arbeiten – das ist und bleibt für moderne Inquisitoren eine grauenhafte Vorstellung, die ihnen den Schlaf raubt. Mit dem jungen Nachfolger von Pfarrer Bayer, der 1991 die Pfarrei Michelrieth übernommen hatte, waren die Scharfmacher jedenfalls nicht zufrieden. Er hatte ihnen zuwenig „Biss“ gegen die „Ketzer“, spielte statt dessen lieber Fußball. Sie setzten ihm 1998 einen zweiten Pfarrer vor die Nase, Michael Fragner, der umgehend damit begann, sich lautstark über „die Sekte“ zu beschweren, durch die das Dorf, so wörtlich, „verstärkt aufgefressen“ werde. Fragner richtete Ende 1998 auch gleich eine Internet-Seite ein, für die er den Namen des Dorfes verwendete – eine offensichtliche Anmaßung, denn auf die Ortsnamen haben nach der Rechtsprechung die politischen Gemeinden immer den ersten Zugriff.
Der Kettenraucher Fragner nutzte diese Webseite von Anfang an als Kampfplattform gegen das Universelle Leben, auf der er alle nur greifbare Giftmunition gegen diese Abtrünnigen, diese Aussteiger aus den Kirchen, ansammelte.
Schon die mittelalterliche Inquisition hatte ihre Basis immer in einer möglichst umfangreichen „Datensammlung“ von Denunziationen, Spitzelberichten und Verhörprotokollen, die in Abschriften überallhin weitergegeben wurden – sodass man als „Ketzer“ den Maschen dieses Netzwerks auch durch Flucht kaum entkommen konnte. Es ist nur folgerichtig, dass die moderne Inquisition unserer Tage diese „Arbeit“ mit den Mitteln der Computertechnologie fortsetzt.
Als Pfarrer Fragner die Pfarrgemeinde Michelrieth nach nur drei Jahren wieder verließ, um eine Pfarrstelle in Uengershausen bei Reichenberg (Landkreis Würzburg) anzutreten, stellte er seine Tätigkeit als fleißiger Kompilator und Briefträger von Verunglimpfungen keineswegs ein, sondern führte sie – noch immer unter dem Dorfnamen – vom neuen Wohnort aus weiter.
Das Universelle Leben forderte daraufhin die Stadt Marktheidenfeld auf, die Internet-Adresse von der lutherischen Kirche gerichtlich zurückzufordern. Der Stadtrat lehnte dies jedoch in einer hauchdünnen Kampfabstimmung im Februar 2005 ab. Die knappe Mehrheit wollte offenbar keinen Ärger mit der Kirche, auch wenn sich diese offensichtlich ins Unrecht gesetzt hatte. Und die daraufhin von einigen ortsansässigen Bürgern angerufenen Gerichte befanden zwar, dass die Stadt die Seite zurückfordern könnte – dass sie aber nicht per Gericht dazu gezwungen werden dürfe. So blieben die Rechte einer Minderheit auf Schutz vor Diskriminierung einmal mehr auf der Strecke.
