Nun könnte eine weitere Frage auftauchen: Wenn es so etwas wie die Finsternis gibt und wenn diese gegen Gott gerichteten Kräfte im Gegensatz zu ihren Gegnern blanke Gewalt einsetzen dürfen – weshalb ist der Kampf dann nicht, die geistige Überlegenheit Gottes hin oder her, nach kurzer Zeit zu Ende? Es würde doch – von der Warte des Widersachers aus gesehen – genügen, die pazifistischen Anhänger des Jesus von Nazareth kurzerhand mit Gewalt auszuschalten?
Genau das hat man in den vergangenen 2000 Jahren auch versucht, und beileibe nicht nur einmal. Doch trotz aller Scheiterhaufen, Kreuzzüge und Inquisitionskerker (unter den damaligen Verhältnissen auch eine Hinrichtungsmethode) kamen die „Ketzer“ immer wieder. Als Manichäer, Bogumilen, Katharer, Gottesfreunde tauchten sie stets von neuem auf: gewaltlos gegen Mensch und Tier, von ihrer Hände Arbeit lebend, äußeren Ritualen abhold. Sie alle wurden von der Kirche bekämpft und ausgerottet. Immer wieder traten auch innerhalb der Kirche geisterfüllte Menschen auf, die im Namen Gottes ihre Stimmen erhoben: Meister Eckhart, Hildegard von Bingen, Katharina von Siena, Theresa von Ávila, Savonarola, um nur einige zu nennen. Soweit sie nicht verbrannt wurden (wie Savonarola in Florenz) oder diesem Schicksal nur durch frühzeitigen Tod entgingen (wie Meister Eckhart), wurden sie von der Inquisition zumindest misstrauisch beäugt – und wirklich umgesetzt hat die Kirche deren Lehren trotz nachträglicher „Verklärung“ bis heute nicht.
Wie ist dieser beständige Strom des Urchristentums durch die Geschichte 4) zu erklären? Hier kommt eine Gesetzmäßigkeit ins Spiel, die die Kirche seit eineinhalb Jahrtausenden kategorisch ablehnt, obwohl sie rund um den Globus in zahlreichen Weltreligionen ihren festen Platz hat und auch im frühen Christentum zuhause war: die Lehre der Reinkarnation.5) Menschliche Körper kann man quälen und töten, das Netzwerk von Gott ergebenen Menschen zerschlagen, die letzten Anhänger, etwa der Katharer im Mittelalter, in den hintersten Winkeln der Berge aufspüren und zur Strecke bringen. Doch die Seelen dieser Menschen kann man nicht töten. Sie werden ihren göttlichen Auftrag, den sie in ihrer Seele tragen, in der nächsten Einverleibung umgehend wieder aufgreifen. Wären, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die Katharer aus der Burg Montségur 1244 so erstaunlich gefasst – wie es überliefert ist – in den Feuertod gegangen, wenn sie davon nicht zutiefst überzeugt gewesen wären?
So müssen die Theologen, die mit fanatischem Eifer die scheinbare Rechtgläubigkeit ihrer Traditionskirche mit allen Mitteln der Machtkirche durchzusetzen versuchen, dennoch ein ums andere Mal ohnmächtig erfahren, dass der mit soviel Anstrengung unterdrückte Strom nach gewisser Zeit an anderer Stelle wieder munter zu sprudeln beginnt.
