Jesus von Nazareth erging es nicht besser. Die Schriftgelehrten verbreiteten über Ihn, Er lehre einen „falschen Gott“, Er sei ein „Sohn des Teufels“, ein „Sektierer“, „von einem Dämon besessen“. Könnte man hier nicht sagen: Mit diesen hasserfüllten Worten charakterisierten sie sich selbst und ihre „Hintermänner“? Ist es nicht der Teufel, der „Durcheinanderwerfer“, der seit Urzeiten Gottes Pläne zu vereiteln versucht? Sind es nicht diejenigen, die insgeheim dem „Satan“, dem ersten der gefallenen Engel, anhangen, die mit List und Heimtücke, aber auch mit Gewalt und Brutalität immer wieder gegen die Gottespropheten und deren Getreue vorgehen? Sind es nicht immer auch dieselben alten Kleider, in die sie dabei schlüpfen: Als Verteidiger der „Tradition“ gegen das unberechenbare Neue? Als Hüter des „normalen menschlichen Lebens“ gegen eine „bedrohliche“ höhere Ethik und Moral, die es den Hochgestellten nicht mehr erlauben würde, ihre Privilegien beizubehalten? Sind es nicht auch immer dieselben Redefiguren, dieselben Wortgeschosse, die gegen die „Abweichler“ geschleudert werden? Etwa: Sie sind „verrückt“ („Der Prophet ist ein Narr“ – so wird bereits Hosea verleumdet), „gemeingefährlich“, „verbrecherisch“ und vieles mehr?
Das frühe Christentum, als Urchristentum bekannt, geriet schon im zweiten und dritten Jahrhundert in Bedrängnis durch Angriffe der heidnischen Priesterkaste von außen, aber auch von innen, durch Übernahme heidnischer Vorstellungen und Strukturen. Eine freie Bewegung wurde umfunktioniert zu einer hierarchischen Amtskirche, die die Anliegen des Frühchristentums – Gewaltlosigkeit, Naturverbundenheit, innere Freiheit, Verzicht auf Macht und Reichtum – Schritt für Schritt außer Kraft setzte und in ihr Gegenteil verkehrte.3)
Der preisgekrönte Schriftsteller und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner sah diese Entwicklung in seinem Buch „Kirche des Unheils“ (1974, Seite 57) wie folgt:
„Wo sonst noch gibt es diese atemverschlagende Mischung von Wolfsgeheul und Friedensschalmei, Weihnachtsbotschaft und Scheiterhaufen, von Heiligenlegende und Henkersgeschichte! ... Mit einem Wort: Das Christentum wurde der Antichrist. Jener Teufel, den es an die Wand malte: er war es selber! Jenes Böse, das es zu bekämpfen vorgab: es war es selber! Jene Hölle, mit der es drohte: sie war es selber! ... sie fühlten sich gut und im Recht, sie fühlen sich noch immer so. Und schlugen doch die ganze Menschheit ans Kreuz ... Seit Konstantin wurden Heuchelei und Gewalt zum Kennzeichen der Kirchengeschichte ...“Kaiser Konstantin verbündete sich im 4. Jahrhundert mit einer Kirche, die mit dem frühen Christentum bereits kaum noch etwas zu tun hatte. Doch der geistige Kampf war damit keineswegs zu Ende; er ging unvermindert weiter. Die Finsternis darf sich am Licht messen. Sie darf es, weil Gott nicht einfach dem Treiben ein Ende setzt – Er würde damit ja in den freien Willen eingreifen, den Er jedem Seiner Kinder geschenkt hat. Und auch Seine größten Widersacher, sogar die verbissensten Dämonen, sind nun einmal, im Innersten ihrer Seelen, Gotteskinder.
