„Menschenjäger“ – das ist ein gutes Stichwort, um auf die Person Graf Magnis zurückzukommen. Wer war dieser Mann, der im Auftrag seines Bischofs gegen religiöse Minderheiten zu Felde zog? Im Katholischen Sonntagsblatt ließ er zwar der „Hausfrau“ Jutta Falke den Vortritt – doch dies war ohne Zweifel bereits Teil der Inszenierung („Hausfrau gegen Hausfrau“) eines modernen „Ketzerprozesses“. Dieser kann heutzutage – bei modernen Inquisitoren glaubt man an dieser Stelle meist nostalgisches Bedauern zu spüren – nicht mehr mit Daumenschrauben, Streckbänken und Scheiterhaufen geführt werden, wohl aber mit geballter kirchlicher Medienmacht und mit Schmähungen hart am Rand der gerade noch erlaubten „Meinungsäußerung“.
Kein Zweifel: Franz Graf von Magnis zog die Fäden. Er stammt aus einem alten Adelsgeschlecht, das ursprünglich in Norditalien zuhause ist und während des Dreißigjährigen Krieges in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. Die von Magnis waren immer stark mit den katholischen Habsburgern verbunden; aus ihren Reihen stammten kaiserliche Militärs, ein Leibarzt, ein Kapuzinerprovinzia9l und jede Menge Gutsherren. Franz Graf von Magnis (1927-2004) kommt aus der schlesischen Linie (Grafschaft Glatz, heute Klodzko), deren Angehörige nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Ländereien verlassen mussten. Obwohl Franz beruflich nicht sonderlich erfolgreich gewesen zu sein scheint – er arbeitete als „freier katholischer Journalist“ und charakterisierte sein eigenes Leben an seinem 76. Geburtstag mit den Worten: „Persönlich war es ein ständiges Scheitern“ –, war ihm in der persönlichen Begegnung der „Herrenmensch“ jederzeit deutlich anzumerken. Hinter äußerlich jovialen Umgangsformen waren eine dumpfe Schläue und eine versteckte Aggressivität zu spüren. Kein Wunder. Wer dieser Mann im Inneren wirklich war, erschließt sich am ehesten, wenn man ein Buch liest, das er als knapp 40-Jähriger veröffentlichte: „An den Lagerfeuern dreier Kontinente“.27) Hier läuft der Grafenspross zu großer Form auf, denn hier beschreibt er die nach eigener Aussage „Höhepunkte seines Lebens“: nämlich seine Abenteuer als Großwildjäger. „Obo, das stärkste wilde Tier“ – so hatten ihn afrikanische Einheimische genannt, und er war sichtlich stolz darauf. Zu seinem ersten Bock hätte er „am liebsten ... alle Mädchen der Welt ... geführt“. Ob er ihnen dann auch noch die Kadaver der patagonischen Hasen gezeigt hätte, die man nach Abbalgen am besten auf den Drahtzaun spießt, oder die Gürteltiere, denen man, damit sie noch etwas fetter werden, die Stummelschwänze abschneidet und sie dann noch ein Weilchen liegen lässt, hat er der Nachwelt nicht überliefert. Wohl aber, dass ihm „das tägliche Waidwerk ... zur Quelle der Kraft geworden“ war.
Und was tut ein Großwildjäger, wenn er in etwas gesetztere Jahre kommt und außerdem das freie Herumballern auf anderen Kontinenten nicht mehr so unbürokratisch möglich ist wie noch vor Jahrzehnten? Da trifft es sich doch gut, wenn gerade eine Stelle als „Ketzerjäger“ frei ist – und man auch gleich noch eine leibhaftige „Ketzerbewegung“, ein „deutsches Eigengewächs“, wie die Presse gerne betonte, vor die Flinte bekommt.
Ob ein Mensch, der sein Selbstwertgefühl aus dem Abschießen wehrloser Geschöpfe beziehen muss, wirklich moralisch befähigt ist, über andere zu urteilen, inwieweit sie religiös auf dem „richtigen Weg“ seien, diese Frage stellte in der Kirche niemand. Dort ist ja auch die Ausführung eines Amtes, etwa eines Priesters oder Bischofs, nicht an irgendwelche Charaktereigenschaften gebunden: Der Priester kann der größte Sünder sein, seine Amtshandlungen sind dennoch gültig. Weshalb soll es sich bei einem „Sektenexperten“ anders verhalten? Etwas unruhig wurde die Würzburger Öffentlichkeit erst später, als der Graf im Oktober 1986 eine Liste von Büchern veröffentlichte, die er aus der Stadtbibliothek entfernt haben wollte, weil sie „jugendgefährdend“ seien. Sein eigenes Jagdbuch, in der Jugendabteilung derselben Bücherei geführt, war, wie man schon ahnt, nicht darunter – wohl aber z.B. ein Buch des Jesuiten Graf Spee gegen den Hexenwahn. Nach empörten Leserbriefen in der Main-Post musste Magnis seinen Antrag zurückziehen. Erst mehr als zehn Jahre später (1997) wurde der 70-jährige Graf als „Ketzerjäger“ durch einen Nachfolger 28) ersetzt. Bereits im November 1987 hatte er jedoch „für besondere Leistung in der Verteidigung des Glaubens“ den päpstlichen Silvesterorden erhalten.
Graf Magnis war aber nur der erste in einer ganzen Reihe berufsmäßiger kirchlicher und später auch staatlicher Beauftragter, die in den Jahren darauf ihr Mütchen an den Nachfolgern des Jesus von Nazareth, insbesondere aber an Gabriele, zu kühlen versuchten.
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